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"Gedanklicher und konzeptioneller Rückschritt"
INTERVIEW
Dr. Volker Sieger ist Leiter des VdK-eigenen Instituts für barrierefreie Gestaltung und Mobilität (IbGM) in Mainz und war Mitglied der Verhandlungskommission des Deutschen Behindertenrates zur Erstellung des Programms der Deutsche Bahn AG.
Frage: Herr Dr. Sieger, die Deutsche Bahn AG ist für ihr Programm zur Herstellung möglichst weit reichender Barrierefreiheit von vielen Seiten gelobt worden. Teilen sie die positive Sicht?

Dr. Volker Sieger: Alles in allem ja. Das Programm enthält Aussagen, die wir uns vor einigen Jahren nur wünschen konnten. Es ist eine mehr oder weniger konsistente Strategie für die Herstellung von Barrierefreiheit.
Außerdem werden Menschen mit Behinderungen, ihre Verbände, aber auch die Politik, künftig in der Lage sein, die durch die Deutsche Bahn (DB) tatsächlich umgesetzten Maßnahmen an dem Programm zu messen. Darüber hinaus darf man aber nicht vergessen, dass es noch einige Dissenspunkte zwischen Verbänden behinderter Menschen und der Deutschen Bahn gibt.
Frage:Worin sind Sie sich noch uneins mit Bahn-Chef Mehdorn?
Dr. Volker Sieger: Zum einen geht es um die Frage, wie die Beförderungspraxis aussehen wird, wenn Fahrzeuge mit fahrzeuggebundenen Einstiegshilfen oder anderen Einrichtungen, die eine barrierefreie Nutzung ermöglichen, ausgerüstet sind, jedoch kein von den Ländern zu bestellendes und zu finanzierendes Personal vorhanden ist, um solche Ausstattungen zu bedienen.
Zum anderen nimmt die DB für sich eine Sonderstellung bei der Herstellung von Barrierefreiheit in Stationen mit weniger als 1000 Reisenden am Tag in Anspruch, die aus meiner Sicht nicht nur nicht von der aktuellen Gesetzeslage gedeckt wird, sondern sogar anderen gesetzlichen Regelungen - etwa dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz - entgegensteht. Denn dort gibt es für Neubauten und wesentliche Umbauten keine Einschränkung der Barrierefreiheit, die sich aus der prognostizierten Anzahl der täglichen Nutzer ergibt.
Außerdem will die Deutsche Bahn AG für die ab 2010 vorgesehenen Nachfolger der heutigen IC-Fahrzeuge keinen barrierefreien Zugang zum Bistrobereich anbieten und behinderte Fahrgäste stattdessen im hinteren Teil des Zuges platzieren. Hieran wird offensichtlich, dass der Gedanke der vollen Teilhabe behinderter Menschen am Bahnverkehr noch nicht wirklich in den Köpfen des DB-Managements verankert ist.
Frage: Warum ist ihnen dieser letzte Punkt so wichtig, schließlich bleiben bei Verhandlungen doch meistens Punkte offen, die entweder nie oder zu einem späteren Zeitpunkt geklärt werden?
Dr. Volker Sieger: Weil es sich hierbei um einen gedanklichen, konzeptionellen und noch Jahrzehnte nachwirkenden Rückschritt bei den Bemühungen um barrierefreie Verhältnisse im Bahnverkehr handelt. Hierzu muss man wissen, dass zwar die heute verkehrenden Zugvarianten allesamt keinen barrierefreien Zugang zum Speisebereich aufweisen, dass das Fahrzeugdesign im Fernverkehr seit Beginn der 90er-Jahre jedoch den Stellplatz und die Toilette für Rollstuhlnutzer unmittelbar im Anschluss an das Bistro vorsieht.
Dies ist der Fall beim ICE 1 bis 3 und auch in den früheren InterRegio-Fahrzeugen, die heute Teil der IC-Flotte sind. Diese Anordnung führt dazu, dass Rollstuhlnutzer, die über einen relativ schmalen Rollstuhl verfügen, aber auch etwas mobilere behinderte Fahrgäste bereits heute das Bistro in diesen Zügen aufsuchen können.
Angesichts dieser Situation wäre es aus Sicht des Fahrzeugdesigns nur noch ein kleiner Schritt hin zur vollen Zugänglichkeit des Speisebereichs. Wenn man jetzt aber in den neuen Fahrzeugen behinderte Reisende weiter vom Bistro weg als alle anderen platziert, ist das in meinen Augen ein gedanklicher und konzeptioneller Rückschritt.
Frage: Das Programm der DB sieht für die von ihnen beschriebene Zuggeneration aber einen Am-Platz-Service vor. Würden behinderte Menschen damit nicht dauerhaft sozusagen 1. Klasse fahren?
Dr. Volker Sieger: Es geht hier nicht um 1. oder 2. Klasse, es geht hier um Gleichbehandlung mit allen anderen Fahrgästen. Im Übrigen haben die Verbände behinderter Menschen seit jeher gegenüber der DBzum Ausdruck gebracht, dass für sie ein Am-Platz-Service keine Alternative zur vollen Zugänglichkeit des Speisebereichs darstellt. Diese eindeutige Aussage ist nun im aktuellen Programm der DBerneut missachtet worden.
Frage: Wie begründet die Bahn ihre Pläne?
Dr. Volker Sieger: Mit einer aus Kostengründen notwendigen Reduzierung der Wagentypen. Man definiert Funktionsbereiche wie 1. Klasse, 2. Klasse, Bistro, Personal, Fahrradmitnahme oder Einrichtungen für behinderte Fahrgäste und versucht diese so zuzuordnen, dass möglichst wenige Wagentypen dabei herauskommen. Da man trotz Vollklimatisierung des Bistros der Ansicht ist, behinderte Menschen nicht im angrenzenden Bereich unterbringen zu können, hat man dem Bistrowagen das Personal und dem Steuerwagen ganz am Ende des Zuges das Fahrradabteil und die Einrichtungen für behinderte Fahrgäste zugeschlagen.
Frage: Wie wird es nun mit dieser Angelegenheit, aber auch den anderen Inhalten des Programms weitergehen?
Dr. Volker Sieger: Eine Arbeitsgruppe der Vertreter des Deutschen Behindertenrates und der Deutsche Bahn AG wird sich mit allen Fragen in Bezug auf die Umsetzung des Programms beschäftigen. Das DB-Management hat aber meiner Meinung nach die diskriminierende Dimension der angesprochenen "Bistro-Pläne" noch gar nicht richtig erfasst. Daher denke ich, dass dieses Thema nicht nur in der Arbeitsgruppe, sondern auch in der Öffentlichkeit und Politik diskutiert werden muss. (eb)



