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Interview: "Jeder hat ein Recht darauf, in Würde alt zu werden"
Dass die Europäische Union das Jahr 2012 als "Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen" ausgerufen hat, ist für Alida Gundlach ein Zeichen zur rechten Zeit. Die Journalistin, Moderatorin und Autorin widmet sich diesem Thema privat und beruflich schon länger und ist überzeugt davon, dass Jung und Alt viel voneinander lernen können.
VdK-Zeitung: Die Deutschen werden weniger, älter und einsamer - keine rosigen Aussichten oder?
Es kommt immer darauf an, was man daraus macht. Das ist im eigenen Leben so und auch in der Gesellschaft. Wir wissen, dass in Deutschland bald deutlich mehr ältere Menschen leben werden. Darauf müssen sich alle einstellen. Darin steckt doch aber auch eine Chance, für die, die älter werden, und für die Jüngeren auch.
VdK-Zeitung: Wie genau definieren Sie diese Chance?
Alida Gundlach: Wissen Sie, es stört mich ungemein, dass das Alter immer noch als Bedrohung empfunden wird. Das ist ein großer Fehler. Nie waren ältere Menschen so fit - körperlich und geistig - wie heute. Alter ist für mich vor allem eine Bereicherung. Ich bin angekommen, weiß, wo ich stehe, bin zufriedener als noch mit 20 oder 40. Das ist doch etwas Schönes, wofür ich dankbar sein kann. Ich finde es nicht gut, wenn immer nur die negativen Seiten des Alterns betont werden.
VdK-Zeitung: Sie sind in einer sehr großen Familie aufgewachsen. Diese Strukturen dünnen heute mehr und mehr aus. Wie lässt sich dem entgegenwirken?
Alida Gundlach: Ich definiere den Begriff Familie ganzheitlich. Nicht nur klassisch als Eltern mit zwei Kindern, sondern generationsübergreifend. Ich habe als Kind immer einen Ansprechpartner gefunden, wenn ich einen gebraucht habe. Das ist sehr wichtig für Kinder, denen heute oft solche Ansprechpartner fehlen. Wenn die Familie das nicht mehr leisten kann, muss es Menschen geben, die an diese Stelle treten.
VdK-Zeitung: Was können das für Menschen sein?
Alida Gundlach: Im Prinzip jeder, der ein ehrliches Interesse an einem Kind oder generell an einem Menschen hat. Ich habe neben meinen zwei Söhnen auch fünf "Liebeskinder". Für die war und bin ich eben ein Ansprechpartner. Und so ist meine Familie noch größer geworden. Das ist wunderbar. Ich glaube an die Familie und denke, dass es keine wirkliche Alternative dazu gibt.
VdK-Zeitung: Trotzdem gibt es immer mehr Menschen, die einsam sind. Versagen hier die Familien?
Alida Gundlach: Ein Mehr an Miteinander lässt sich natürlich nicht per Gesetz verordnen, sondern muss wachsen. Die Politik kann jedoch steuernd eingreifen. Ein Beispiel sind für mich die generationsübergreifenden Wohnformen. Alt und Jung wohnen Tür an Tür und lassen sich gegenseitig an ihrem Leben teilhaben. Sie helfen einander und praktizieren genau das, was früher in den Großfamilien normaler Alltag war. In solchen Häusern gibt es sicher keine alten Menschen, die vereinsamen. Hier werden sie gebraucht. Das ist gerade für alte Menschen enorm wichtig.
VdK-Zeitung: Alt und Jung können also eine ganze Menge voneinander lernen?
Alida Gundlach: Na sicher doch. Ich habe das in meiner Bühnenshow erlebt, mit der ich zwei Jahre in Deutschland unterwegs war. Menschen aus vier Generationen, zwischen 7 und 77, haben ein gemeinsames Projekt auf die Beine gestellt. Sie glauben ja nicht, welche Vorurteile anfangs auf beiden Seiten vorhanden waren. Mit jeder Probe ist ein Vorurteil nach dem nächsten verschwunden. Das mitzuerleben, hat richtig Spaß gemacht. Die Jungen merkten schnell, dass die Älteren noch lange nicht zum alten Eisen gehören. Und die Alten haben anerkennend festgestellt, wie zielstrebig junge Menschen sein können.
VdK-Zeitung: Was lernen Sie von Ihren Kindern und Enkeln und umgekehrt?
Alida Gundlach: Meine Großeltern haben mir die Liebe zur Natur näher gebracht. Heute erkläre ich meinen Enkeln, die Stadtkinder sind, wie ein Blatt aussieht oder wie man mit einem Hund umgeht. Damals wie heute brauchen Kinder nicht das teuerste Spielzeug, sondern einen Menschen, der ihnen Zeit schenkt. Im Gegenzug bekomme ich natürlich viel zurück. Außerdem bleibe ich durch meine Kinder und Enkel immer auf dem neuesten Stand, was Computer und Technik angeht. Sonst könnte ich heute sicher nicht einfach mal so ins Internet.
VdK-Zeitung: In Ihrem Buch "Miteinander oder gar nicht" erklären Sie, warum der Zusammenhalt zwischen den Generationen so wichtig ist. Können Sie es kurz auf einen Nenner bringen?
Alida Gundlach: Ohne Miteinander geht es nicht, nicht in einer Familie und nicht in der Gesellschaft. Deshalb sollten die Generationen auch nicht gegeneinander ausgespielt werden. Unerträglich finde ich es beispielsweise, wenn die Pflege älterer Menschen zum Kostenfaktor abgestempelt wird. Hier geht es um Menschen, die ihr Leben lang viel geleistet haben. Die können wir doch nicht einfach abschieben und allein lassen. Die haben doch mehr verdient, mehr Achtung, mehr Respekt und mehr Zuwendung. Jeder hat ein Recht darauf, in Würde alt zu werden. Wenn Pflege in der Familie nicht geleistet werden kann, dann muss sie in den Heimen aber so funktionieren, dass es keinem davor graut, mal dort zu landen. Auch jüngere Menschen haben das gleiche Schicksal vor sich wie heute die 70-, 80- oder 90-Jährigen. Das sollten wir nicht vergessen.
VdK-Zeitung: Haben Sie schon als junge Frau an das Alter gedacht?
Alida Gundlach: Durch den engen Kontakt zu meinen Großeltern und anderen älteren Familienmitgliedern habe ich Alter nie als etwas erlebt, wovor ich mich fürchten muss. Ich habe vorgelebt bekommen, dass Altwerden etwas Normales ist. Später habe ich ehrenamtlich im Altenheim gearbeitet. Wissen Sie, ich habe mich eigentlich schon immer sozial engagiert, habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ich denke, wenn es mir gut geht, dann sollte ich auch etwas für die Schwächsten leisten. Das sind für mich Kinder, alte Menschen, Tiere und die Natur. In diesen Bereichen bin ich immer in unterschiedlichen Projekten aktiv.
VdK-Zeitung: Wie möchten Sie selbst einmal alt werden?
Alida Gundlach: Ich habe ein Lebensmotto: Es ist nicht entscheidend, wie alt man wird, sondern wie man alt wird. Das Wie versuche ich jeden Tag mit Leben zu erfüllen: aktiv und neugierig bleiben, auf Menschen zugehen und Neues lernen. (Interview: ikl)
Zur Person:
Alida Gundlach hat sich als Talkmasterin, Journalistin und Autorin einen Namen gemacht. Ihre Karriere begann sie Anfang der 1970er-Jahre bei Radio Luxemburg und beim Südwestfunk. Später moderierte sie die "Aktuelle Schaubude" im NDR-Fernsehen und die NDR-Talkshow.
Die heute 68-Jährige engagiert sich in zahlreichen sozialen Projekten, ist zum Beispiel Botschafterin bei "mitKids", wo Aktivpaten an Kinder vermittelt werden, und setzt sich als Botschafterin für die Deutsche Krebsgesellschaft ein. Alida Gundlach hat zwölf Bücher geschrieben, eine CD herausgebracht und eine generationsübergreifende Bühnenshow entwickelt. Sie hat zwei Söhne und fünf Enkelkinder und lebt nach einer längeren Zeit auf Mallorca seit einigen Jahren wieder in Norddeutschland.



