Kommentar: Aktiv altern, aber wie?

Sozialverband VdK Deutschland - Solidarität macht stark!
 
Montag, 30.01.2012

Kommentar: Aktiv altern, aber wie?

Portraitfoto Ulrike Mascher
Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland

Das Jahr 2012 ist das "Europäische Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen". Koordiniert wird es in Deutschland vom Bundesfamilienministerium. Nicht in dessen Ressort fällt jedoch ein wesentliches Ziel des Europäischen Jahres: die Schaffung von Beschäftigungsmöglichkeiten für ältere Menschen. Hier sind das Bundesarbeitsministerium, die Bundesagentur für Arbeit und die Arbeitgeber gefordert.

Trotz Rekordbeschäftigung in Deutschland und der niedrigsten Arbeitslosenzahlen seit der Wiedervereinigung sind die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt für über 55-Jährige oder gar 60-Jährige alles andere als rosig. Die meisten älteren Arbeitnehmer erhalten auf ihre Bewerbungen nur Absagen oder gar keine Antwort. Häufig bekommen sie nicht einmal die Chance auf ein Bewerbungsgespräch, weil die Personalabteilung angehalten ist, Bewerbungen ab einem bestimmten Alter gar nicht erst dem Personalchef vorzulegen. Das ist Altersdiskriminierung. Diese gilt es zu beseitigen, und da sind auch diejenigen gefordert, die am lautesten nach der "Rente mit 67" rufen.

Um im Alter aktiv sein zu können, bedarf es vor allem Gesundheit und eines Einkommens, von dem man einigermaßen gut leben kann. Um dem Teufelskreis "Armut macht krank" und "Krankheit macht arm" zu entgehen, brauchen wir eine solidarische Gesundheits-, Beschäftigungs- und Rentenpolitik, die dafür sorgt, dass die Kluft zwischen Arm und Reich in allen Altersgruppen nicht weiter wächst. Konkrete Maßnahmen wären ein allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn in ausreichender Höhe, weniger Zuzahlungen im Gesundheitswesen und ein sozialer Ausgleich bei der Rente von Geringverdienern.

Eine weitere Zielsetzung des Europäischen Jahres 2012 lautet: "Solidarität zwischen den Generationen". Da kann ich nur sagen: Die ist ausgeprägter, als uns so manche Stammgäste von Talkshows weismachen wollen. In den Familien helfen sich Alt und Jung gegenseitig, zum Beispiel bei der Kinder- und Enkelbetreuung oder bei der Pflege von Angehörigen. Nein, die Alten leben nicht auf Kosten der Jungen. 30 Prozent der Eltern unterstützen ihre erwachsenen Kinder regelmäßig finanziell. 3,5 Milliarden Arbeitsstunden leisten die 60- bis 65-Jährigen jährlich für die Familie. Und viele Rentnerinnen und Rentner engagieren sich ehrenamtlich - auch für Jüngere. Die im VdK aktiven 90.000 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer in den 9000 Ortsverbänden sind ein gutes Beispiel für bürgerschaftliches Engagement.

Die Trennlinie in unserer Gesellschaft verläuft nicht zwischen Alt und Jung, sondern zwischen Arm und Reich. Deutschland ist ein hochproduktives Land mit einer großen Wirtschaftskraft und viel Reichtum. Allerdings verfügt das reichste Zehntel der Bevölkerung über 60 Prozent des gesamten Vermögens. Die Forderung nach einer ausgewogenen Verteilung des Wohlstands durch mehr Steuergerechtigkeit ist also vollkommen berechtigt.

Was die Jungen brauchen - ob aus Akademiker- oder aus Arbeiterfamilien, ob mit oder ohne Behinderung - sind bestmögliche Bildungs-, Ausbildungs- und Berufseinstiegschancen. Auch dafür setzt sich der VdK als generationenübergreifender Sozialverband ein - nicht erst im "Europäischen Jahr 2012", sondern seit seiner Gründung vor 65 Jahren. (Ulrike Mascher)

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