Kommentar: Rente mit 67 oder 70?

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Montag, 23.08.2010

Kommentar: Rente mit 67 oder 70?

Portraitfoto Ulrike Mascher
Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland

So manche Politiker und Wissenschaftler haben sich in diesem Jahr die Rente als Sommerloch-Thema auserkoren. Das waren noch Zeiten, als in der politikfreien Zeit das Ungeheuer von Loch Ness, Braunbär Bruno oder die Forderung eines Bundestagshinterbänklers, Mallorca zum 17. Bundesland zu machen, die Schlagzeilen prägten. Da konnte man wenigstens noch schmunzeln. Bei den Äußerungen zur Rentengarantie und zur "Rente mit 67" oder "Rente mit 70" vergeht einem jedoch das Lachen.

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle stellte die vom VdK durchgesetzte Rentengarantie infrage, auch mit dem Hinweis, die Rente müsste schließlich erst "erwirtschaftet" werden. Das empört unsere VdK-Mitglieder. Herr Brüderle übersieht nämlich dabei, dass die Rentnerinnen und Rentner durch ihre Erwerbsarbeit und ihre Beitragszahlungen jahrzehntelang zur Erwirtschaftung der Renten beigetragen haben.

Für nicht weniger Aufregung sorgten namhafte Wirtschaftsforscher, denen die geplante "Rente mit 67" noch nicht weit genug geht und die langfristig die "Rente mit 70" fordern. Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, nannte dies "den humansten Ansatz", mit der Herausforderung einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung umzugehen.

Ich halte die "Rente mit 70" für utopisch. Der VdK lehnt auch die "Rente mit 67" ab, solange ältere Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt so wenig Chancen haben wie bisher. Diejenigen, die unbeirrt an der "Rente mit 67" festhalten oder gar die "Rente mit 70" fordern, kommen mir vor wie ein Fußballtrainer, der den Titelgewinn in der europäischen Königsklasse, der Champions League, als realistisches Ziel bezeichnet, obwohl sein Club gerade erst in die Regionalliga aufgestiegen ist.

Bei der Beschäftigung und Weiterbildung älterer Arbeitnehmer spielt Deutschland nicht in der europäischen Spitzenklasse. Nur rund 20 Prozent der 60- bis 65-Jährigen gehen einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach, bei den 64-Jährigen sind es weniger als zehn Prozent. Jeder zweite Betrieb in Deutschland beschäftigt keinen einzigen über 50-Jährigen. Auch wenn die Beschäftigungsquote Älterer langsam steigt, so haben sich die Chancen älterer Arbeitsloser nur wenig verbessert. Wer stellt schon einen 55-jährigen Arbeitslosen ein? Auch die Weiterbildung älterer Arbeitnehmer ist für viele Unternehmen ein Fremdwort. Nur 2,5 Prozent der über 55-Jährigen werden noch fortgebildet. Auch kann man nicht alle Berufe über einen Kamm scheren. Als Wissenschaftler oder Bank-Manager lässt es sich durchaus noch mit 67 oder 70 arbeiten, aber für Bau- oder Fließbandarbeiter, Kranken- und Altenpfleger, Erzieherinnen und viele andere in körperlich und psychisch stark belastenden Berufen ist ein späterer Rentenbeginn unrealistisch. Für Menschen, die deshalb nicht so lange durchhalten und früher aufhören müssen zu arbeiten, bedeutet das höhere Abschläge bei der Rente, 3,6 Prozent pro Jahr des vorzeitigen Rentenbeginns. Deshalb darf die "Rente mit 67" unter heutigen Arbeitsmarktbedingungen nicht starten. Sie würde das Problem der Altersarmut verschärfen. (Ulrike Mascher)

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