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Interview mit dem Finanzexperten Hermann-Josef Tenhagen zur Bankenkrise

Die weltweite Finanzkrise kennt viele Verlierer. Von verbrannten Milliarden und taumelnden Kreditinstituten ist die Rede.
Der kleine Sparer und Anleger möchte nicht zu den Verlierern gehören und pocht auf Sicherheit - auch nachdem die Bundesregierung ein 500-Milliarden-Rettungspaket geschnürt hat, bleibt Skepsis. Der Trend geht wieder hin zu einfachen Anlagen, zum Tagesgeld oder zur Tagesanleihe. Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur der Zeitschrift "Finanztest", bewertet die Situation für Anleger differenziert. Die VdK-Zeitung sprach mit dem renommierten Finanzexperten, der derzeit in vielen Talkshows zu sehen ist.
Herr Tenhagen, was ist die Garantie der Bundesregierung für alle Spareinlagen wert?
Tenhagen: Diese Garantie ist eine Menge wert. Sie bedeutet, die Bundesregierung will um jeden Preis das Banksystem so weit stützen, dass die Sparer sicher sind. Mit dieser politischen Erklärung sind die Spareinlagen selbst dann sicher, wenn viele Banken pleite gehen. Das Geld auf der Bank ist deutlich sicherer als die Jobs der Leute, die möglicherweise von einer kommenden Rezession betroffen sind.
Welche Anlagen sind eigentlich geschützt?
Tenhagen: Spareinlagen, das heißt Sparbuch, Girokonto, Tagesgeld und Festgeld, sind absolut sicher. Da muss man sich keine Sorgen machen.
Und welchen Finanzprodukten sollten Anleger jetzt trauen oder misstrauen?
Tenhagen: Ich fange mal mit den risikoreicheren Papieren an: alles, was mit Aktien zu tun hat - auch Aktienfonds. Bei solchen Anlagen ist klar: Der Wert kann rauf und runter gehen. Man sollte deshalb kein Problem haben, die Aktie notfalls fünf, besser zehn Jahre liegen zu lassen. Denn wenn der Kapitalismus weiter funktioniert, wird es mit guten Aktien auch wieder aufwärts gehen. Kaufen sollte man natürlich nur gute Aktien und Aktienfonds. Die besten Fonds findet man jeden Monat bei "Finanztest". Wenn man ein bisschen abgebrüht ist, kann man sich jetzt sogar überlegen, ob man einkauft. Natürlich sollte man nur einen Teil seines Geldes in Aktien anlegen.
Zweitens gibt es als Geldanlage Versicherungen. Klassische Versicherungen sind sicher, hier ist das Kapitalmarktrisiko wegen der staatlichen Regulierung klein. Es kann nur sein, dass die Überschussbeteiligung nicht so ausfällt, wie man sich das erhofft hat. Viele Versicherte wissen aber nicht, ob sie eine klassische oder eine fondsgestützte Versicherung haben. Bei letzterer liegt das Kapitalmarktrisiko beim Kunden. Es könnte im Extremfall passieren, dass man über die Jahre 50 000 Euro reinsteckt und nur 35 000 Euro wieder rausbekommt. Vor allem, wenn ein solcher Vertrag jetzt ausläuft, hat man ein Problem. Wer kann, sollte die Fonds aus so einem Vertrag liegen lassen und mindestens drei Jahre Zeit haben.
Und drittens: die staatlich geförderte Altersvorsorge. Bei einem Riester-Vertrag habe ich kein Verlust-Problem. Anbieter garantieren, dass das Eingezahlte und die staatliche Förderung vorhanden sind. Verträge mit klassischen Rürup-Renten sind auch sicher. Anders sieht es bei fondsgestützten Rürup-Verträgen aus. Bei denen ist es tatsächlich so, dass es da keine Kapital-Garantie gibt. Hier liegt ein vergleichbares Risiko wie bei einer fondsgebundenen Versicherung vor.
Wie sieht es mit Zertifikaten aus?
Tenhagen: Ein Zertifikat ist eigentlich eine Anleihe. Ich habe der Bank Geld geliehen dafür, dass sie an der Börse eine Wette macht. Es gibt fast 400.000 unterschiedliche Produkte in Deutschland. Zertifikate haben zwei Probleme. Viele sind ziemlich kompliziert, verstehen tut sie nur die Bank, die sie gebaut hat, der Kunde versteht sie wahrscheinlich gar nicht. Dann besteht das Risiko, dass man zwar die Wette an der Börse gewinnt, die Bank aber pleite geht. Und der Wetteinsatz ist verloren. So geschehen durch die Insolvenz bei Lehman Brothers. Diese Zertifikate wurden auch von deutschen Banken an deren Kunden als sicher verkauft.
Insgesamt 120 Milliarden Euro stecken in Deutschland in Zertifikaten. Viele Bankkunden, denen 3,5 Prozent auf dem Sparbuch zu wenig waren, haben in diese vermeintlich sichere Anlageform investiert. So bombensicher waren diese 5,8 Prozent Rendite dann aber in manchen Fällen doch nicht.
Viele Menschen beschweren sich jetzt darüber, dass ihnen solche Hochrisikopapiere von Banken als sicher verkauft wurden. Kann der Berater auf Schadenersatz verklagt werden?
Tenhagen: Die meisten Leute gehen nicht mit ihrer besten Freundin zur Bank. Ohne Zeugen aber gibt es ein Nachweisproblem, dass man schlecht beraten wurde. Man kann klären, ob es ein Protokoll oder andere Unterlagen über das Gespräch gibt, und man kann natürlich zur Verbraucherzentrale oder zum Fachanwalt gehen. Beim Anwalt sollte man aber klären, ob man eine Rechtsschutzversicherung hat, sonst kann es teuer werden. Neben dem Nachweis eines Beratungsfehlers gibt es aber noch eine zweite Möglichkeit, wie man Bankiers, die Zertifikate verkauft haben, näher treten kann. Die Banken haben von Lehman Brothers Geld dafür bekommen, dass sie deren Zertifikate verkauft haben, diese Vorgehensweise dem Kunden aber häufig nicht mitgeteilt. Das darf die Bank nicht.
Muss man befürchten, dass die Bank Kredite zurückfordert oder Zinsen drastisch erhöht?
Tenhagen: Nein. Man hat ja einen Kreditvertrag. Beispielsweise einen Autokredit oder einen Vertrag zur Eigenheim-Finanzierung. Selbst, wenn die Bank pleite gehen würde, muss man sich keine Sorgen machen. Schwieriger wird es im Fall einer Refinanzierung für das eigene Haus, wenn es die Bank nicht mehr gibt. Aber dann muss man eben neue Angebote bei anderen Banken einholen.
Können Sie unseren Lesern einen guten Tipp geben?
Tenhagen: Banken bieten momentan 5 Prozent Zinsen für Tagesgeld an. Das ist auch ein Versuch der Banken, möglichst schnell an viel Spar-Geld zu kommen. Für den, der etwas übrig hat, kann ich nur sagen: Ein gutes Tagesgeldkonto ist fein. Und wegen der Einlagensicherung und der zusätzlichen Zusage der Bundesregierung schön sicher. Bezogen auf Spareinlagen ist bisher nur den Leuten etwas passiert, die bei den isländischen Banken waren.
Generell rate ich, dass man sich mit seinen Geldanlagen regelmäßig beschäftigen soll. Bevor ich anlege, sollte ich wissen, wie lange ich das Geld anlegen möchte. Ich sollte nichts kaufen, was ich nicht verstehe. Wenn ich zu einer Bank gehe, muss mir klar sein, dass mein Berater in erster Linie Verkäufer ist und erst an zweiter Stelle vielleicht Berater. Und ich sollte mich bei Geldgeschichten nie drängen lassen - lieber eine Nacht darüber schlafen. (Interview: Petra J. Huschke)
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